11. Juli – 23. August

NEW EAST POETISTAS

Ausstellung mit Jasmina Al-Qaisi, Ioana Cîrlig, Larisa Crunțeanu & Patricia Morosan

Eintritt frei

Ausstellungsplakat "New East Poetistas", 2020
Ausstellungsplakat "New East Poetistas", 2020
Ausstellungsansicht "New East Poetistas", 2020 | Foto: Patricia Morosan
Ausstellungsansicht "New East Poetistas", 2020 | Foto: Patricia Morosan
Ausstellungsansicht "New East Poetistas", 2020 | Foto: Patricia Morosan
Ausstellungsansicht "New East Poetistas", 2020 | Foto: Patricia Morosan

Eröffnung: Freitag, den 10.07.2020, ab 17:00 Uhr


Die Ausstellung New East Poetistas verhandelt die Transformation europäischer Geografien und Identitäten. Ausgewählt von der Fotografin und bildenden Künstlerin Patricia Morosan, reflektieren die gezeigten Arbeiten von Jasmina Al-Qaisi, Ioana Cîrlig, Larisa Crunțeanu und Patricia Morosan die sich verschiebenden Eigen- und Fremdwahrnehmungen Mittel- und Südosteuropas und folgen Lebenswegen und Beschäftigungen der Bewohner*innen dieser Region.

Normalerweise bezeichnet das Suffix -ista die Zugehörigkeit zu einem Bereich, eine Anhängerschaft. Demgegenüber handelt es sich bei den New East Poetistas um Künstlerinnen, die auf Grundlage ihrer Begegnungen und Beobachtungen je eine ganz eigene künstlerische Sprache ausarbeiten, in der die Herstellung des Neuen (lat. poiesis) mit poetischen Verfahren und Bildfindungen koinzidiert. Gemeinsam ist ihnen eine biografische Verbindung zu Rumänien; ihre Lebensmittelpunkte sind Bukarest, Halle und Berlin. Von hier aus denken die Poetistas – drei Jahrzehnte nach 1989/1991 – über den sogenannten ‚Neuen Osten‘ als fragwürdiges Branding Osteuropas nach. Sie zählen zur ‚Generation Transformation‘, auch „Kinder des Postkommunismus“ (Boris Buden) genannt, die ihre Kindheit in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren erlebten und seither global sozialisiert worden sind.

Für ihre Arbeit (I) Remember Europe (2018) bereiste Patricia Morosan aus Berlin Ortschaften in sieben mittel- und osteuropäischen Ländern (Estland, Litauen, Weißrussland, Ukraine, Slowakei, Deutschland und Polen), die zu unterschiedlichen historischen Zeitpunkten je als geografisches „Zentrum Europas“ angesehen wurden. Morosans Fotografien aus ihrem gleichnamigen Fotobuch entfalten eine Psychogeografie von Menschen, Landschaften, Dörfern, Städten und Bauwerken, die den kartografischen Konstruktionen des Zentrums teils vorausgehen, teils auf sie reagieren. In ihnen zeigt sich nicht nur die generelle Veränderlichkeit von Grenzen – Morosan fasst sie als „kontingentes Element der Konstruktion Europas“ zusammen. Die unausgesetzte Neubestimmung und Verschiebung von Zentren und Peripherien unterhöhlt auch jede feststehende Bedeutung von „Ost-“ oder „West-“ Europa.

Die Verschiebung von Zentren wird auch in der Werkserie Postindustrial Stories (2012-15) der in Bukarest lebenden Fotografin Ioana Cîrlig zum Thema. Postindustrial Stories ist das Ergebnis eines mehrjährigen Forschungsaufenthalts in zwei ehemaligen Bergbau-Städten Rumäniens und thematisiert den Verfall ökonomischer Hotspots infolge des Niedergangs der Bergbau-Industrie seit den 2000er Jahren und das Leben in ihren entvölkerten, ökologisch verheerten Überresten. In einer zweiten Werkserie, Zâne (2014-17), lenkt die Künstlerin unsere Aufmerksamkeit von einer post- auf eine präindustrielle Situation und betrachtet das kräftezehrende agrikulturelle Leben von Frauen im rumänischen Landkreis Maramureș, Oaș, im Apuseni-Gebirge und im Donaudelta. Auch das sind weibliche Identitäten heute: die Landwirtin in Zâne arbeitet hoch oben auf dem Heuhaufen und die sechzehnjährige Tochter der Pilzpflücker*innen wärmt sich am Feuer, während sie auf ihre Eltern wartet. In Cîrligs magisch-realistische Bilder und Szenen fließen individuelle Biografien, lokale Mythen und naturbezogener Aberglaube als spekulatives Material mit ein.

Larisa Crunţeanus Videoarbeit Jealous of the Forest (mit Traian Frâncu, produziert von META Cultural Foundation, 2018) zeigt einen Moment im Alltag eines alleinstehenden Mannes, eines professionellen Folklore-Musikers im ländlichen Rumänien. Beim Gang mit den Heugabeln durch seinen weiten Garten ist sein Blick durchgängig auf gleich zwei Mobiltelefone gerichtet – auch ein Verweis auf die kommunikationstechnologisch gemorphten und erweiterten Geografien Europas. Am Ende seines Ganges interpretiert er unvermittelt das Lied Bine-i codrule de tine (Jealous of the Forest), ein Volkslied aus dem 19. Jahrhundert. Er besingt die vermeintliche Unerschütterlichkeit des Waldes, der schmerzlichen unerwiderten (Liebes-)Gefühlen insofern überlegen sei. Dabei hängt der Wunsch, so „gefühllos wie der Wald“ zu sein, mit der massiven, ökonomisch bedingten Abwanderung von Frauen aus ruralen Gegenden speziell nach der EU-Osterweiterung zusammen. In Jealous of the Forest verbinden sich die Gegenwart Europas und kulturelles Erbe zu ebenso prekären wie anrührenden Konstruktionen von Männlichkeit.

Bine Biene (2020) ist eine Soundinstallation von Jasmina Al-Qaisi (Szenografie: Pelin Gebhard), die im Zusammenhang mit dieser Ausstellung produziert wurde. Startpunkt der Arbeit ist die Frage nach der Genealogie der Fürsorge. Die in Berlin und Halle lebende Künstlerin fragte gleichaltrige Frauen (Erinnerungen von & mit Despina Ilinca Maria Iorga, Smaranda Ursuleanu, Sina Kerschbaum, Olga Konik, Natalia Acevedo Ferreira, Adela, Ioana, Sasha Nicolae und Ligia Popa) aus ihrem kosmopolitischen Freundeskreis, ob und (wenn ja) welche Erwartungen, Verpflichtungen und Bürden sie angesichts intergenerationaler Bindungen und affektkultureller Übertragungen empfinden, und auf welche Weisen sie sich diesen entziehen. Dabei ist die Figur einer unermüdlichen Gastgeberin* – als ein verdrehter Archetyp weiblicher Identität („fleißige Biene“) – konstant im Material ihrer Recherche anwesend. Al-Qaisi reagiert hierauf mit einer Poetik aus selbstgenerierten Geräuschen, Wiederholungen und Homophonien, vermittels derer sie die Gespräche und eigenen Nachforschungen gleichsam im Modus der Widerständigkeit ausplottet. Bine Biene ist ein akustisches Sprachexperiment zur symbolischen Mitgift der jungen Frauen der Transition („girls of transition“)und ihrer wahlverwandten Schwestern.

New East Poetistas ist eine zeitgeschichtliche Momentaufnahme rumänisch-europäisch-globaler Lebensformen aus zugleich diagnostischer und spekulativer Perspektive. Die Lebenskünste des mobil vernetzten Folklore-Sängers (Crunţeanu), die in ihren eigenen Worten übermenschliche Qualität der Frauen aus Zâne („superhuman women“) und die durch die Entwaldung und den Tagebau verheerten Landschaften in Postindustrial Stories (Cîrlig) stellen einerseits die Begrenztheit des Alltagslebens offen zur Schau, andererseits kommunizieren sie einen Mehrwert, der sich der selbsterschöpfenden Logik dokumentarischer Bilder widersetzt und über die Ästhetik der Repräsentation hinausgeht. Die stimmliche Polyphonizität weiblicher Geschichten (Al-Qaisi) und die geografisch-symbolischen Verschiebungen Europas (Morosan) sind die Klaviaturen der Poetistas, die den ‚Neuen Osten‘ je auf ihre eigene Weise transformieren.
Text: Ulrike Gerhardt



PATRICIA MOROSAN (geb.1984) studierte Filmwissenschaften und Kunstgeschichte in Bukarest und Berlin und Photographie an der Ostkreuzschule in Berlin. Sie ist Teil des internationalen Fotokollektivs ”Temps Zero” und Artistania e.V.

IOANA CIRLIG (geb.1987) ist eine Fotografin, deren Arbeiten ein Langzeit-dokumentarischen-künstlerischen Charakter vorweisen. Sie hat an der Universität der Künste in Bukarest Fotografie studiert und hat das Zentrum für dokumentarfotografie 2016 in Rumänien mitbegründet.

JASMINA AL-QAISI (geb. 1991) hat Politik- und Kulturwissenschaft und Journalismus in Bukarest und visuelle Kommunikation in Ljubljana studiert. Sie ist formal eine visuelle Ethnographin und Kulturkorrespondentin. Sie pendelt zwischen Ton und visueller Poesie. Sie lebt in Berlin und arbeitet im Archiv des Kunst- und Projektraums SAVVY Contemporary seit 2016, wo sie verschiedene Ausstellungen mitkuratiert hat. Sie forscht seit 2018 zusammen mit Research Sound & Wave Kollektiv, schreibt für verschiedene Magazine (Revista Arta, Scena 9), produziert sound poetry und macht Radio (Untraining the Ear-Deutschland Radio Kultur/Klangkunst, Radio Egon, Radio Cortax, Cashmere Radio, Savy Funk Radio für documenta 14 u.a.).

LARISA CRUNTEANU (geb. 1986) hat Film und Fotografie an der Universität der Künste Bukarest und Warschau studiert. Zurzeit ist sie Doktorandin an der Universität der Künste in Bukarest.


Mit freundlicher Unterstützung durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa, Ausstellungsfonds Kommunale Galerien und Fonds Ausstellungsvergütungen für bildende Künstlerinnen und Künstler sowie Mittel der Projektförderung des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg.


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www.jasminescu.com
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